S

Ich sehe ihn. Mein Herz schlägt höher, darauf habe ich seit meiner Ankunft hier gewartet. Ich beobachte ihn ein wenig versunken, sehe, wie er lächelt, Bekannte begrüßt. Ich stoße Lea an. "Meinst du, ich soll hingehen?" Sie kapiert sofort: "Klar, tu das. Ich bleib hier sitzen."
Dankbar lächel ich sie an, stehe auf, streiche meinen Rock glatt. Hole einmal tief Luft und schiebe mich durch die Massen. Er sitzt an der Bar und bestellt sich einen Tequila, deswegen sieht er mich nicht kommen. Ich streiche ihm über den Rücken, verwirrt dreht er sich um. Sein Blick ist etwas verschwommen; er hat schon getrunken. Er lächelt, steht sogar für mich auf. Er legt mir den Arm um die Schultern und stößt seinen Kumpel an. Den kenne ich schon, ich lächel auch ihm zu. Lieber wäre ich jetzt mit Malte alleine, doch ich genieße seine Nähe viel zu sehr, um ihn jetzt gehen zu lassen.

Lea lacht; ihre Augen glänzen, während sie mit den Hüften kreist. Ich bin nicht bei der Sache, halte Ausschau nach Malte. Wo steckt er bloß? 'Egal, tanz', sage ich mir. Ich richte mich auf, finde den Beat. Bewege mich und nehme nichts mehr wahr. Bis sich mir eine Hand auf die Schulter legt. Nur Lea. "Wollen wir was trinken?", brüllt sie mir ins Ohr und fächert sich mit der Hand Luft zu. Ich nicke nur, mir ist alles recht. An der Bar sehe ich schließlich Malte, gehe aber nicht hin. Ich will nicht nerven, außerdem ist er betrunken. Und ich auch, was es nicht besser macht.
Ich setze mich, während Lea bestellt. Plötzlich steht Phil neben mir und lächelt auf mich herunter. Er umarmt mich nicht, das ist nicht sein Ding. Sein Lächeln zeigt, dass es ihn freut, mich zu sehen.
Kurz blicke ich zu Lea, die jetzt in ein Gespräch mit einem Kumpel verwickelt ist.  'Egal', denke ich und ziehe Phil am Handgelenk zu dem leeren Stuhl neben mir.
Wir reden, als wäre alles wie immer. Er neckt mich, versucht mich zu provozieren. Ich gehe halbherzig drauf ein - es macht Spaß, sich mit ihm zu unterhalten. Es ist so einfach und doch so schwer.
Ein Mädchen geht vorbei, tippt Phil an. Während er sich abwendet, bewundere ich seinen Körper. Durch das Training zeichnen sich die Brustmuskeln deutlich ab. Seine aschblonden Haare stehen leicht ab, etwas frech, etwas ordentlich. Um sein schmales Handgelenk trägt er eine Uhr. Er sieht gut aus. Er lacht, nickt dem Mädchen zu, sie geht weiter. Er guckt mich an.

Malte lächelt, ich lächel zurück. Er dreht sich zu Lea, legt sich dabei von hinten meine Arme um seinen Bauch. Ich halte ihn fest, er lässt meine Hände nicht los. Es tut gut, so gut. Jemanden zu haben, den man mag, der es ernst zu meinen scheint. Nicht wie Phil. Er dreht sich um, ohne meine Hände loszulassen, und zieht mich mit sich. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Lea in die andere Richtung geht. Jedes Mal das gleiche, wenn es ein Mädelsabend werden soll, denke ich vergnügt und bin keinesfalls enttäuscht. Hier gehören wir hin, so muss das Leben sein. Malte zieht mich an sich. Ich zögere nicht, sondern stelle mich auf Zehenspitzen und küsse ihn. Hier, vor allen. 'Phil könnte es sehen', denke ich kurz, dann ist es mir egal. Schließlich war das zwischen Phil und mir eine einmalige Sache. Malte lacht, er erinnert sich wahrscheinlich an die letzte Party, auf der ich ihn nicht vor allen küssen wollte. Nicht hier, hatte ich gesagt. Tja, heute ist es anders.
Er deutet zur Garderobe und ich weiß, er muss gehen. Ich verstehe das. Umarme ihn, gebe ihm noch einen Kuss. Dann gehe ich Lea suchen.

Ich stehe neben der Garderobe, Phil steht neben mir. Lea holt unsere Jacken ab, sie hat zwei Freunde getroffen, die uns nach Hause fahren. Sehr praktisch.
Ich würde gerne noch bleiben, denn genau in dem Moment sagt Phil etwas vollkommen unerwartetes: "Ist eine schwierige Kiste zwischen uns, mmh?" Ich gucke ihn verdutzt an. 'Hat er jemals über das zwischen uns nachgedacht?', frage ich mich.  Scheinbar. Ich hake nach: "Warum?" - "Na ja, ich hab keine Ahnung, was du für Absichten hast." Da muss ich lachen. "Ich auch nicht wirklich", höre ich mich sagen. Bitte? Mit dem Typen war ich eigentlich schon fertig. Plötzlich druckst Phil herum. "Ähm,... ich bin ja noch nicht so lange mit meiner Ex auseinander,... ich will gerade eigentlich keine Beziehung." Was war das denn jetzt? Ich lache, obwohl in meinem Kopf die Gedanken durchdrehen und ich nichts mehr verstehe. "Du, das war mir von Anfang an klar, dass du keine Beziehung mit mir willst." Er zieht eine Augenbraue hoch. "Na ja", erkläre ich, "bei dir war ich wohl eher eine von vielen." Upps, das klang jetzt viel enttäuschter als beabsichtigt.  "Warst du nicht", widerspricht er. "Ich bin doch gerade erst single. Ich bin nicht der Typ für sowas."
Lea stupst mich an, will los. Die Jungs warten. Ich nicke ihr kurz zu und drehe mich wieder zu Phil. "Tja, ich muss los. Ruf mich morgen an, okay?" Er zögert. "Du musst nicht gehen." - "Oh doch", entscheide ich. Er grinst und bleibt einfach sitzen. Keine Umarmung. Den Part übernehme ich heute, ist jetzt auch egal, was er denkt. "Ruf mich an", sage ich erneut, dann drehe ich mich um und gehe. Lea zieht die Augenbrauen zusammen und ich weiß, dass sie denkt, ich wäre bescheuert. Ein intensives Gespräch mit einem Arschloch. Ich grinse nur. Das alles erfährt sie wohl erst morgen.

Kommentare:

  1. habe alle deine texte gelesen. man, hast du einen schönen schreibstil, wirklich packend!
    dir folge ich erstmal ♥

    die ohrringe sind von h&m. habe sie nie getragen, aber ich fand sie so schön, dass ich sie einfach kaufen und an meine wand hängen musste... :)

    findest du? hm. das finde ich interessant. woher nimmst du diese annahme, wenn ich fragen darf? klar bin ich kritisch aber eigentlich beschäftige ich mich sehr viel mit der welt in mir.

    :) liebste grüße, josi

    AntwortenLöschen
  2. Wow, das gefällt mir :) Ich werd jetzt die Fortsetzungen lesen <3

    AntwortenLöschen